Mexiko
- ein Kulturschock?
Für die
meisten Amis ist der Gedanke nach Mexiko zu fahren völlig abwegig. Zu
arm, zu unsicher, zu dreckig, zu wenig entwickelt, zu viele Mexikaner
... Und doch trifft man speziell auf der Baja California, wie
Niederkalifornien auf spanisch heißt, eine beträchtliche Anzahl von
Gringos. Wie immer, wenn es um die USA geht: Das Land ist so groß und
vielfältig, als dass sich allgemein gültige Regeln aufstellen
lassen.
Wir waren
jedenfalls happy als wir die Grenze problemlos passierten und das Law
and Order Land hinter uns ließen. Viva Mexico hieß die Devise.

Zunächst
galt es, sich mit den mexikanischen Besonderheiten auseinander zu
setzen. Hält sich in den USA jeder an Vorschriften, findet man in
Mexiko eher einen lockeren Umgang mit dem Gesetz. Gefahren wird auf
Teufel komm raus, schnell jedoch nie aggressiv, Führerscheinprüfung
gibt es sowieso keine. Dann die Enge der Straßen und vor allem
der Parkplätze, beinahe schon wie in good old Europe.
Der Sprit
kostet überall gleich viel, das ist sehr angenehm, falls man vom
Tankwart nicht übers Ohr gehauen wird. Also immer schön wach sein und
schnell die Münzen und Scheine kennen lernen! Die 10-Peso-Münze ist
über dies eine Schönheit und kommt in unsere Souvenir-Schatulle.
Thema
Einkaufen: In größeren Ortschaften gibt es immer öfter total neue
Einkaufszentren wie in den USA, nur viel preisgünstiger! Die
Milchprodukte entsprechen eher den europäischen Vorstellungen, dh sie
sind nicht zu Tode konserviert und mit allem möglichen Unfug
angereichert wie in den USA, selbst wenn die Milch irgendwie süßer
schmeckt als bei uns. In diesen großen Läden gibt es dann auch
frisches Brot zu kaufen, in guter Auswahl, in kleineren Läden kriegt
man dann leider nur mehr das Toastbrot "Bimbo", falls es nicht
eine Panaderia um die Ecke gibt. Die Trinkwasserversorgung klappt bis
jetzt bestens: Überall kann man gereinigtes Trinkwasser kaufen zum
Spottpreis, am besten gleich in einem 20 l Kunststoff-Ballon.
Thema
Restaurants: Bisher eher enttäuschend, von einigen hervorragenden
Ausnahmen abgesehen, das mexikanische Essen
beschränkt, sich vor allem für Veggie Mike, auf Quesedillas (mit Käse
gefüllte Tortillas), Reis und Bohnen. Gerti kann auf
Meeresfrüchte und Huhn ausweichen. Das Chinesische Essen dürfte eine
Alternative darstellen...
Thema
Mexikaner: Ein freundliches und fröhliches Völkchen, hier auf
der Baja California sind sie zwar manchmal etwas abweisend, weil sie
schlechte Erfahrungen mit den Gringos gemacht haben. Die Atmospähre
ist sehr entspannt, wir hatten bisher keinen Anlass, uns zu fürchten!
Es ist unglaublich wie jung die Leute sind! Das Durchschnittsalter liegt
bei 25 Jahren in Österreich bei ... Michael hat mit
VW-Werkstätten schon einige positive Erfahrungen gesammelt: Ein
planmäßiger Motorölwechsel und der Austausch der Bremsklötze samt -scheiben
wurden sehr seriös und zu einem Drittel des europäischen Preises von
mexikanischen Mechanikern bewältigt. Es macht Spaß, mit den Leuten zu
radebrechen, obwohl unsere Spanischkenntnisse noch zu wünschen
lassen.
Grundsätzliches
zur Halbinsel "Baja California" (Man sagt übrigens "Bacha"...)
Die Halbinsel hängt
wie ein Blinddarm am amerikanischen Kalifornien. Über 1300 km lang,
länger als der italienische Stiefel, doch selten breiter als 100 km.
Freihandelszone mit der USA, die mexikanische Regierung investiert
Milliarden an Pesos in den Tourismus. Sehr viele Amis verbringen den
Winter hier, der Dollar wird als Währung 1:10 akzeptiert.
Geografisch schiebt
sich die längste Halbinsel der Welt zwischen den kalten Pazifik
im Westen und den warmen Golf von Kalifornien (oder dem Mar de Cortez)
im Osten. Sie ist großteils gebirgig, die Ausläufer der Sierra
Nevada Kaliforniens reichen tief in die Halbinsel. Im Süden erhebt sich
die
vulkanische Sierra Gigante bis auf über 2000 m. Die Südspitze
liegt bereits unterhalb des Wendekreises des Krebses, also in den
Tropen.
Von der Vegetation
überwiegt die Halbwüste mit mehr als 100 Kakteenarten, es gibt aber
auch landwirtschaftlich genutzte Gebiete, sogar Weinanbau wird im Norden
betrieben. Besonders reizvoll sind die zahlreichen Oasen, meist von
unterirdischen Flüssen gespeist.
Es ist ein raues Land,
im Sommer brennt die Sonne unbarmherzig vom Himmel, nur von Oktober bis
Anfang April gibt es erträgliche Temperaturen. Noch dazu wird die
Halbinsel im Sommer von zahlreichen Hurricans durchgebeutelt.
Die Baja Fauna besteht
in erster Linie aus einer vielfältigen Vogelwelt und den zahlreichen
Meeresbewohnern: In den flachen Lagunen am Pazifik kann man von Jänner
bis März den Grauwalen bei der Kinderstube zusehen und das Mar de
Cortez ist überhaupt eines der fischreichsten Gewässer der Welt: Über
600 Fischarten sollen hier vorkommen, von den Delfin-Schulen
(Delfinherden) ganz zu
schweigen ...
Kulturell ist auf der
Halbinsel längst nicht so viel los wie am Mexikanischen Kernland.
Jedoch gibt es eine Besonderheit: Die Jesuiten, später die
Franziskaner, haben die Baja missioniert und dabei eine ganze Kette von
Missionen bis rauf nach Oberkalifornien errichtet. Alle 30 - 50 km
kann man eine mehr oder weniger erhaltene Missionskirche aus dem 18. Jh
besichtigen.
Reisehöhepunkte
Die
ersten 500 km auf der Halbinsel verliefen ziemlich eintönig. Es gab
nicht besonders interessante Ortschaften und überwiegend
landwirtschaftlich genutzte Gebiete zu durchqueren, für uns war's
trotzdem spannend, schließlich mussten wir uns Mexiko mit seinen
Eigentümlichkeiten erarbeiten. In den Orten gilt immer höchste
Alarmstufe beim Fahren: Es lauern versteckte Stopp-Tafeln mit
ebensolchen, kassierwilligen Polizisten und als besondere
"Gemeinheit" schlafende Polizisten, das sind mehr oder weniger
achsgefährdende Betonwülste, quer über die Straße. Diese
"Topes" sind wohl das einzige Mittel, die mexikanischen
Autofahrer einzubremsen. Außerdem zwingen jederzeit auftretende
Schlaglöcher Fahrer und Copilot zur Wachsamkeit.
Auf der
freien Landstraße gilt das Gesetz des Stärkeren und vor allem Schnelleren. Nicht nur einmal wurden wir von einem Linienbus mit einem
Affenzahn überholt.
Aber
bei Catavina
zeigte sich dann die Baja erstmals von ihrer herb-schönen Seite:
Gewaltige Gesteinsbrocken liegen im sogenannten Boulderfield verstreut
zwischen herrlichster Wüstenvegetation.
Die
riesigen Cardon-Kakteen strecken ihre Arme bis zu 20 m in den Himmel und
werden bis zu 200 Jahre alt. Als wir sie zum ersten mal von der Ferne
aus sichteten dachten wir wirklich, es handelt sich um so etwas
wie eine
Radaranlage auf einem Berg.

Eigenartig
und auf der Baja California endemisch (also nur hier vorkommend ) sind die Cirios, auch Boojum Trees
genannt. Diese Sukkulenten gehören nicht zur Familie der Kakteen. Sie
schauen ein bisschen wie eine verkehrt in den Boden gerammte Karotte
aus. Dabei erreichen sie jedoch die Höhe der Cardons.

Witzig
anzusehen sind die Teddybär-Kakteen, man sollte jedoch nicht auf die
Idee kommen, sie wegen des Namens anzugreifen ...

Herrlich
war das Herumstapfen in diesem Märchenland beim leider viel zu
frühen Sonnenuntergang.

Bei
San
Ignacio verwandelte
sich die Landschaft in eine Oase mit Dattelpalmenhainen, die von den
europäischen Missionaren angepflanzt wurden.

San
Ignacio beherbergt außerdem die wahrscheinlich schönste Missionskirche
der Insel.

Dann
erreichten wir erstmals bei Santa Rosalia das Mar de Cortez, das Ziel
unserer Urlaubsträume.
Gefunden
haben wir unser Paradies in einer großen Bucht namens Bahia
Concepcion. Türkisgrün
schimmert das warme und flache Meer mit wunderbaren Stränden zum
Verweilen.

Dort gibt
es sogenannte Playas Publicas, einfache Camping-Plätze, die von der
Gemeinde verwaltet werden. Gegen eine geringe Gebühr von USD 5 - 7 kann
man hier herrlich am Strand stehen und die Tage, Wochen oder Monate
vorbeiziehen lassen. Viele Nordamerikaner verbringen hier den Winter,
sogar ein österreichisch-deutsches Paar war darunter.

Wir
blieben 10 Tage und genossen unseren "Urlaub" in vollen
Zügen. Unser Strand, der Playa Escondida, hatte eine extrem
schwierige Zufahrt, der letzte Hurrican hatte den Weg als Bachbett
benutzt. So blieben die großen Ami-Motorhomes draußen und wir befanden uns unter Gleichaltrigen und
Gleichgesinnten.

Kein Tag
war wie der andere, obwohl wir kaum den Strand verließen gab es
ständige "Sensationen": Die Pelikane ließen sich völlig
ungerührt von uns in ihrem Tun beobachten, besonders faszinierte uns
deren Gleitflug knapp über den Wasseroberfläche.
Dann die
Blaufußtölpel, die nur auf Inseln im Mar de Cortez brüten. Der
deutsche Name vermittelt ein völlig falsches Bild von diesen fantastischen
Fischern. Sie stürzen sich wie ein Pfeil aus großer Höhe in die See
um nach ein paar Sekunden mit ihrer Beute wieder aufzutauchen. Darüber
kreisen dann in großer Höhe Fregattvögel, die perfektesten aller
Gleiter. Durch die eigenartige Flügelstellung erinnerten sie uns an
Vampire. Wir fragten uns jedoch manchmal, was und wann diese Vögel eigentlich
fressen, da wir sie nie dabei beobachten konnten.

Vormittags
schaute meist ein Kolibri bei unserer Palapa (das ist eine
Palmwedelhütte) vorbei. Außerdem stakste morgens oder abends gerne ein
großer Reiher vorbei. Dann machte uns eine Eisvogelfamilie durch ihren
Gesang aufmerksam. Sie hausten im nahen Felsriff und fischten vorzugsweise gegen Abend.
Nun zur
Unterwasserwelt. Schnorcheln erschien uns wie Tauchen in einem Aquarium:
Die bunten Fischchen waren gar nicht scheu, manchmal hatten wir das
Gefühl, als suchten sie unseren Schutz. Zum Glück trafen wir auf keine
Haie oder Stachelrochen, die auch in diesen Gewässern heimisch sind.
Den
absoluten Höhepunkt erlebten wir jedoch bei der Begegnung
mit Definen. Diese schwammen gerne in unserer Bucht, einmal -
frühmorgens - erlaubte uns ein Delfin mit ihm zu schwimmen.
Dabei bestimmte der Delfin die Nähe und die Art des Kontaktes. Einer
unserer Strandgenossen durfte ihn sogar berühren.
Sogar der
Mond hatte etwas Spezielles mit uns vor: Drei Tage lang erschien er uns
praktisch als Vollmond - ehrlich, wir waren stocknüchtern - am 8.
November ging er sogar als totale Mondfinsternis auf und verzauberte die
Bucht zwei Stunden lang mit seinem besonderen Licht.
Einen
kleinen Wermutstropfen stellten die ab und zu auftretenden
Quallen-Fäden dar. Durch die Hurricans wurden viele Quallen zerstört
und deren Reste spukten hie und da in den Buchten herum. Besonders
bei Flut waren wir mit den unangenehmen Nesselungen konfrontiert, zum
Glück verhalf Essig zu sofortiger Linderung.
Dann war
die Zeit gekommen, von dem Stückchen Paradies Abschied zu nehmen, wir
fuhren nach La
Paz, der
Hauptstadt der Baja California. La Paz war unsere erste, große
mexikanische Stadt.

Wir
genossen das Bummeln auf der Strandpromenade, dem Malecon, wo am Abend
in zahlreichen Kneipen live Musik gespielt wird. Trotz seiner
200.000 Einwohner wirkt La Paz wie eine sympathische Kleinstadt, in der
wir uns sehr wohl fühlen konnten. Bei einer VW-Werkstätte
ließen wir die Bremsen samt Bremsscheiben wechseln, die Leute waren
sehr freundlich, kompetent und die Sache kostete nicht mal ein Drittel
des europäischen Preises. Viva VW-Mexico! Außerdem gibt es in La Paz
große Einkaufszentren mit allen erdenklichen Köstlichkeiten. Besonders
begeistert hat uns die "Tortilla-Fabrik", wo die Mexikaner
stapelweise frisch gebackene Tortillas davontragen.
Wir
beschlossen, noch eine Woche auf der Baja zu bleiben und uns auch die Kapregion
anzusehen. Leider wurden zahlreiche Playas Publicas von den
diesjährigen Hurricans zerstört und auch die Straßen schwer
beschädigt.

Wir
konnten deshalb nicht zu entfernteren, einsamen Buchten gelangen und
mussten mit der voll touristische Südspitze der Halbinsel Vorlieb
nehmen.
Wir
"durchschritten" den Wendekreis des Krebses, aber die Luft wurde nicht
tropischer, wahrscheinlich wegen der frischen Winde am Kap.

Hier gab
es wunderbare Strände mit glasklarem Wasser und das Kap selbst ist ein
Hit.

Der
Strand Playa del Amor bietet einem die einzigartige Möglichkeit sowohl im harmlosen
Mar de Cortez als auch im tosenden Pazifik zu schwimmen.

Kein
Wunder, dass die Region touristisch voll aufgeschlossen wurde, ohne
jedoch die Gegend bis jetzt, wie befürchtet, total mit Hotelklötzen zu
verschandeln.
Von Cabo
San Lucas fuhren wir dann über den "Künstlerort" Todos
Santos

zurück nach La Paz, wo bereits das Fährschiff zur Überfahrt
auf das Festland auf uns wartete.