Das
Tal von Mexico
Geschätzter
Leser! Stellen Sie sich das Chaos in Vollendung vor, ein unendliches
Häusermeer durchzogen von ebenso vielen Straßen, die oft 50 oder
mehr Kilometer lang sind. Zwanzig Millionen Menschen leben auf
einem Hochbecken (!!!) in 2200 m Höhe, umgeben von gewaltigen
Vulkanbergen.
Es zog
uns also in diesen Moloch, der von den Einheimischen verwirrender Weise
einfach Mexico oder DF (Distritto Federal) genannt wird. Wir wählten bewusst die
Weihnachtszeit, weil dann viele der reicheren "Capitalitos"
(Hauptstädter) ihren Urlaub am Meer verbringen.
Das
größte Wunder war für uns, dass diese Stadt überhaupt funktionierte!
Die (saubere) U-Bahn transportiert die Menschenmassen problemlos und
preisgünstig, die Bus-Verbindungen vom Stadtrand ins Zentrum sind
zuverlässig , wir wurden weder bestohlen, bedroht oder sonst wie
unangenehm behandelt. Alle Menschen sind hier begnadet mit Engelsgeduld,
freundlich und hilfsbereit, nie aggressiv - "kaputte"
Typen, wie in europäischen Großstädten, sieht man keine, wohl aber
sehr arme Leute, die vom Verkauf von Kleinigkeiten, vom Musizieren oder
von der Bettelei leben.
Die
Höhenlage gepaart mit der Luftverschmutzung (dabei war nicht
einmal Smogalarm) und Kälte strapazierte unsere Körperabwehrkräfte.
Gerti lag ein paar Tage danieder mit hohem Fieber und
Atemwegsproblemen.
Alles in
Allem hatten jedoch wir einen guten Eindruck von dieser Stadt und
ihrer faszinierenden Umgebung gewonnen, obwohl wir uns schon wieder sehr
nach der Wärme und der Luft des Pazifiks sehnten. In Mexiko sind ja kühle
Wintertage und tropische Sommerhitze oft nur vier Fahrstunden
entfernt.
Im
historischen Zentrum der Ciudad de Mexico
Als Cortez 1519
erstmals vom Pass zwischen den Vulkanen Popocatepetl und Ixtaccihuatl
auf das Tal von Mexiko blickte, sah er einen riesigen See in dessen
Mitte eine der fantastischsten Städte der Menschheit herausragte -
Tenochtitlan, die Hauptstadt des Aztekenreiches. (Die Azteken
bezeichneten sich übrigens selbst als "Mexica", daher der
Name Mexico.)

Heute sieht man
vom Pass nur an sehr selten, klaren Tagen das gewaltige Häusermeer der
Stadt, vom riesigen Lago de Texcocco sind nur mehr ein paar
armselige Reste vorhanden.
Die Spanier hatten
nach der Zerstörung der Aztekenhauptstadt ihre eigene Hauptstadt
der Kolonie "Neuspanien" genau auf den Trümmern des Tempel-
und Pyramidenbezirkes von Tenochtitlan errichtet.
Im Zentrum
befindet sich der größte Platz Mexikos überhaupt, die Plaza de
la Constitucion, kurz Zocalo genannt.


Hier ist immer etwas los:
Demonstrationen, Feierlichkeiten, Atzeken-Tänzer finden darauf ihr
Publikum. Ein Klick auf das obige Bild startet einen kleinen Video-Cut!

Dort steht natürlich
auch die größte, jedoch nicht die schönste, Kathedrale Mexikos und
damit auch ganz Lateinamerikas. Der Platz wird auf der einen Längsseite
durch den Palacio Nacional, dem Amtssitz des mexikanischen Präsidenten,
begrenzt. Unbedingt sehenswert sind darin Diego Riveras berühmte
Wandbilder, Murales genannt, die von der mexikanischen Geschichte
auf überaus fantasievolle, plakative Weise erzählen.

Mehr zu Diego
Rivera,
dem wohl begabtesten der drei mexikanischen Muralisten als Link mit
seinem Lebenslauf.
Schräg hinter der
Kathedrale wurden im Zuge des U-Bahnbaus in den Siebzigerjahren die
Reste des aztekischen "Templo Mayor" ausgegraben.

Im
angeschlossenen Museum sind die wichtigsten original Fundstücke in
einer attraktiven Schau ausgestellt. Am Modell von Tenochtitlan kann man
sich die Größe und Pracht der alten Hauptstadt gut vorstellen: Der
Templo Mayor überragte die heutige Kathedrale um mehr als 10
Meter!
Zwischen dem Zocalo
und dem Park Alameda befinden sich die schönsten Gebäude der Altstadt.

Wir wohnten einen Block hinter dem Zocalo in einem kleinen, sauberen,
sehr preisgünstigen Hotel. Unseren VW-Bus hatten wir auf dem
Camping-Platz im Vorort Tepozotlan für ein paar Tage zurückgelassen.
Beim Park Alameda
steht der "Lateinamerika-Turm", ein Hochhaus aus den
Fünfzigerjahren, von dem man eine fantastische Aussicht auf die Stadt,
besonders bei Einbruch der Dämmerung, genießen kann.

Der Park selbst hat
uns nicht sehr beeindruckt, vor allem wegen des winterlichen
Zustandes der Vegetation. Wohl aber die Gebäude, allen voran der
neoklassizistische Palacio Belles Artes und die "Burg" des
Hauptpostamtes.

Am Ende der Alameda
befindet sich ein Museum, das eigentlich nur einem Künstler und einem
Werk gewidmet ist: Diego Riveras "Traum eines
Sonntagspazierganges" mit vielen historischen Persönlichkeiten und
Anspielungen. Den Spruch "Es gibt keinen Gott" musste der
überzeugte Marxist allerdings noch vor Enthüllung des Werks
übermalen. Rivera hat sich auf dem Gemälde übrigens selbst
zweimal als kleiner Junge verewigt.

Ein Klick aufs kleine
Bild öffnet die ganze Pracht des Gemäldes.
In
Mexicos attraktiven Aussenbezirken
Mexiko-City
hat bei seinem ausufernden Wachstum auch einige kleine Kolonialstädte
der Umgebung aufgesogen. Dazu gehört neben San Angel vor allem das
Vorstädtchen Coyacan,
das seinen kolonialen Charme bewahren konnte.

Ursprünglich
am Ufer des Texcocco Sees gelegen, war es schon zu Zeiten der Conquista
ein bedeutsamer Ort. Vor dort leitete Cortez die Einnahme
Tenochtitlans und er residierte dort solange, bis die Hauptstadt von
"Nueva Espana" fertig aufgebaut war. Das "rote"
Rathaus von Coyoacan soll angeblich von Cortez errichtet worden sein. In
ihm gibt es ein Mural von Rivera zu bestaunen, das ua die Folterung des
letzten Azteken-Herrschers Cuauhtemocs thematisiert. Cuauhtemoc
wurde in Coyoacan ermordet.
Das
Hauptgeschehen konzentriert sich um die Plaza Central, die eigentlich
aus zwei zusammenhängenden Plätzen besteht. Der Brunnen in
Mitten der Plaza zeigt zwei steinerne Koyoten, das Wort Coyoacon
bedeutet nämlich "Ort der Koyoten".

Rund um
die Plaza gibt es zahlreiche Cafes und Bistros, die herrliche
"Schmankerl" zu zivilen Preisen servieren. Die Plaza
ist auch bekannt für ihren "Hippie-Markt", wo man auf
angenehme Weise Souvenirs kaufen kann.
Wir
besuchten auch das Frida-Kahlo-Museum, das viele persönliche Dinge von
Frieda Kahlo und Diego Rivera in ihrem, zur Abwehr von Hexerei
blaugetünchten, ehemaligen Wohnhaus zeigt.
Geschichts-Interessierte
können auch dem liebevoll gehegten Trotzki-Museum eine Visite
abstatten. Der russische Marxist verbrachte dort seine letzten Jahre im
Exil ehe ihn sein Schicksal in Form eines Eispickels einholte.
Wir
ließen den Camper in der kleinen Vorstadt Tepotzotlan,
ca. 40 km vom Zentrum entfernt, stehen. Dieser Ort ist ein beliebtes
Sonntagsausflugsziel der Hauptstädter und glänzt vor allem mit seiner
barocken Jesuitenkirche samt angeschlossenem Konvent.

Unglaublich,
welchen Reichtum die Jesuiten in Mexiko anhäuften, kein Wunder also,
dass sie Ende des 18. Jh vertrieben wurden. Und Mitte des 19. Jh wurden
unter Juarez gleich alle Klöster aufgelöst. Als Folge
unterstützte der Klerus unseren Marionetten-Kaiser Maximilian .
Im
Museo Anthropologia - Eintauchen in Mexikos reiche präkolumbianische Vergangenheit
Dieses
Museum sollte auf dem Pflichtprogramm jedes Mexiko-Besuchers stehen. Es
befindet sich in der grünen Lunge der Hauptstadt, dem Chapultepec Park.
In 24 Sälen wird einem die Geschichte der indigenen Hochkulturen auf
attraktivste Weise nähergebracht. Jeder Hochkultur ist ein eigener Saal
gewidmet.

Hier kann man manches besser verstehen und betrachten als auf
den original Ausgrabungsstätten. Dort sind die Grabkammern meist nicht
zugänglich oder leer, während im Museum einige Gräber möglicht
originalgetreu, wie zum Zeitpunkt des Fundes, nachgestellt wurden.

Kein Buch
oder Text kann den überwältigenden Eindruck der Schau mit den zahllosen Statuen,
Säulen, Reliefs usw. wiedergeben.
Besonders faszinierten uns die
verschiedenen Skulpturen des Regengottes Chakmol.

Die
2,5m große
Steinscheibe, der "Aztekenkalender" (eigentlich eine
Jahreszahl), wurde bei Grabungsarbeiten
unter dem Zocalo gefunden wurde und wird heute als das Symbol für die
mexikanischen Hochkulturen
betrachtet.
.
Eine 2m
große Steinscheibe zeigt einen Ballspieler in Aktion. Die
mittelamerikanischen Völker gelten als Erfinder der Fußballspieles. Es
hatte bei ihnen einen rituell-religiösen Background. Gespielt wurde mit
einer schweren Kautschukkugel.

Beindruckend
ist auch die vielfältige Sammlung an Tonfiguren. Die Mesoamerikanischen
Hochkulturen waren Meister des Modellierens. Die kleine Bildershow soll
einen Eindruck von der Lebendigkeit der Figuren vermitteln.
Durch den
Besuch des
Museums optimal "gebildet" und vorbereitet konnten wir jetzt endlich
beginnen, die berühmten Pyramiden-Anlagen Mexikos zu besuchen.
In
Teotihuacan - wo auf den Pyramiden der Sonne und dem Mond gehuldigt
wurde
Am Rande
der Großstadt liegt eine der mysteriösesten Pyramiden- und
Tempelanlagen Mexikos überhaupt. Teotihuacan hatte zu seiner Hochblüte
um Christi Geburt über 200.000 Einwohner und war die größte Stadt des
amerikanischen Kontinents. Doch welches Volk diese Metropole bewohnte
und warum sie um ca. 700 n. Chr. aufgegeben wurde, liegt im
Dunklen der Vergangenheit. Es gab keinerlei schriftliche Aufzeichnungen.
Die Azteken gaben der Stadt später den Namen Teotihuacan, der Ort wo
die Götter wohnen.

Dominiert
wird die Anlage von zwei gewaltigen Pyramiden, der Sonnen- und der
Mondpyramide. Die größere Sonnenpyramide hat ungefähr die
gleiche Grundfläche wie die Cheopspyramide, jedoch erreicht sie
"nur" eine Höhe von ca. 64 Metern. Präzise ist ihre
Ausrichtung: Am 19. Mai und am 25. Juli steht die Sonne im Zenit
über ihr und dann weist die Hauptfassade , genau auf den
Sonnenuntergangs-Punkt nach Westen.
Nach dem
anstrengenden Aufstieg in dünner Luft tut sich ein herrliches Panorama
von der gesamten Anlage auf. Dazu gibt's hier auch ein kleines Video als
Link.
Die
Mondpyramide ist zwar etwas kleiner als der Sonnen-Bruder aber durch das
ansteigende Gelände erscheint sie fast genau so hoch.


Ihr Vorhof
wird durch 12 Kultpyramiden begrenzt. Die Grabungsarbeiten sind noch im
Gange: Erst im Jahr 2000 wurden in der Mondpyramide einige antike
Skelette in einem verdeckten Gang entdeckt und die Hügel der Umgebung
lassen wohl noch einige Sensationen unter sich schlummern.
Bei
den großen Vulkanen - wo "Don Gregorio" von Zeit zu Zeit
Feuer spuckt
Am Neujahrstag wollten
wir etwas ganz Spezielles unternehmen.

Von Puebla aus führt eine
schmale Schotterstraße auf den 3600 hohen Paso de Cortez, dem Sattel zwischen
den beiden Vulkanen Popocatepetl und Ixtaccihuatl. Die Sicht war
klar, was ja nicht allzu oft vorkommen soll, also fuhren wir rauf.
Zahlreiche Mexikaner hatten die gleiche Idee und so konnten wir das
beliebte Spiel - "Wie viele Mexikaner passen auf einen Pick-Up?"
- spielen.

Das Gebiet gilt als
die höchste Kiefernregion der Erde, der "Popo" mit seinen
5452 m beheimatet den einzigen tropischen Gletscher Amerikas, wenn auch
nur mehr in Resten.

Die ganze Region ist als Nationalpark
geschützt, es gibt eine endemische Flora und Fauna. Seit 1994
grollt und raucht der "Popo" wieder und darf nicht bestiegen
werden, der letzte richtige Ausbruch war 1802.
Die dünne Luft und
der kalte Wind hätten uns ohnedies von einer größeren
Besteigungs-Expedition abgehalten. Aber einen kleinen Video-Clip
von der einzigartigen Landschaft haben wir schon gedreht, wenn auch der
Wind die Tonqualität stark beeinträchtigte. Die Indios der Umgebung nennen
den Popo übrigens ehrfurchtsvoll Don Gregorio und versuchen ihn durch
Opfergaben still zu halten.

Der Nachbar-Vulkan
Ixtaccihuatl, die weiße Dame, kann bestiegen werden. Wenn
man ihn von westlicher Richtung betrachtet, soll er in der Tat der Form
eines weiblichen Körpers ähneln. Er ist mit 5285 m nur
unwesentlich niedriger als der "Popo" und nimmt den Rang drei
der mexikanischen Berge ein.
Der höchste Berg
Mexikos, der Pico de Orizaba, war bei unserem Ausflug, in der Ferne
über der Smog-Glocke von Puebla, ebenfalls zu sehen.
